Montag, 14. April 2008

Ein Spiel dauert 90, manchmal auch 120 Minuten.

Der FC Bayern stehend K.O.

Es war die 120. Minute im Coliseum Alfonso Pérez beim UEFA-Cup Viertelfinal-Rückspiel zwischen dem FC Getafe und dem FC Bayern angebrochen. Die spanischen Gastgeber führten mit 3:2, was gleichzeitig den Einzug ins Halbfinale bedeuten würde. Ihr merkt schon, vorbei sind die glorreichen Champions League Abende im Santiago Bernabéu, der Heimat von Real Madrid. Nein, es waren die kleinen Spanier, die es nun zu schlagen galt, in einem Vorort von Madrid. Nun, dieses Vorhaben schien noch 6 Minuten zuvor im großen Stil den Bach herunter zu gehen. Bis Luca Toni einen Fehler des argentinischen Nationalkeepers Abbondanzieri ausnutzte und den abgeklatschten Ball zum Anschluss einschob. In letzter Minute gab es also noch mal einen Standart, der hoch hineinbegeben wurde, auch Oliver Kahn befand sich zu diesem Zeitpunkt im Strafraum der Gastgeber. Um diesen unvergesslichen Abend abzurunden schafft es der italienische Weltmeister Toni tatsächlich mit der allerletzten Aktion des Spiels noch den Ausgleich zu erzielen. Das 3:3! Auf einmal war der deutsche Rekordmeister ins Halbfinale vorgedrungen. Nach dieser Aktion wurde das Spiel auch abgepfiffen und somit war das Ergebnis auch amtlich. Und wieder konnte man als Zuschauer von einem einmaligen Europokalabend berichten. Was sich dort nämlich vor den Augen der Zuschauer abspielte, bot mehr als man es sich hätte vor dem Spiel versprochen. Bereits in der 6. Minute zückte der Schweizer Unparteiische gegen Rubén de la Red (FC Getafe) nach einer vermeintlichen Notbremse gegen Klose die rote Karte. Von da an spielte der kleine spanische Verein gegen den großen Namen aus Deutschland mit nur noch 10 Mann und nun kommt ein weiteres Phänomen hinzu, dass dieses Spiel in der Folge prägen sollte. Die Mannschaft, die in Unterzahl agieren musste wurde stärker und stärker, nahm das Herz in die Hand, wie man so schön sagt. Diese Einstellung gipfelte schließlich darin, dass Cosmin Contra kurz vor der Pause zu einem fast 50 Meter-Lauf ansetzte, an dessen Ende die Führung für den Underdog stand. Unnachahmlich trat er an nahm die Münchner Abwehr innerhalb von Sekunden auseinander. Es war wie das berühmte Messer, was durch die Butter gleitet. Genüsslich, in hoher Geschwindigkeit. Die große Augen der Defensive nach dem Gegentor…wo waren sie im Moment des Antritts? Was passiert hier gerade, schienen sie sich zu fragen. Doch für Fragen war die zeit schon lange abgelaufen. Der Masterplan der Bayern, in Getafe zu zeigen, dass das Hinspiel eine Art Betriebsunfall war, schien zum Scheitern verdammt. Denn auch in den nun folgenden 45 Minuten änderte sich wenig am Geschehen auf dem Rasen. Durch die enorm große Laufbereitschaft kauften die Gastgeber dem FC Bayern den Schneit ab. Hinzu kamen ideenlose, hohe Bälle auf Luca Toni, die dieser praktisch nie verwerten konnte.
Inakzeptabel die Leistung des FC Bayern, denn zu diesem Zeitpunkt setzten die Gastgeber immer mehr auf Offensive. Und in der 87. Minute hätte es auch die endgültige Entscheidung geben können. Wieder war es ein vorzüglich vorgetragener Konter, den man, nach dem Kahn schon geschlagen war, auch hätte verwertet, wäre dem Umspielen nicht ein Ausrutscher gefolgt. So kam es, dass der FC Bayern in der 89. Minute nach einem der vielen hohen Hereingaben nun doch dafür sorgen konnte, dass der Ball nicht postwendend wieder hinaus befördert wurde. Nach mehreren Kopfballstationen prallte der Ball mehr oder weniger zufällig zu Ribéry. Dieser schaltete gedankenschnell und zog ansatzlos ab. Tor. Verlängerung. Und Verärgerung. Ja, man konnte sie in den Gesichtern der Akteure in Rot-Weiß ablesen. Gegen eine Mannschaft, die, und da wären wir wieder in der Welt der Theorie, auf dem Papier mehr als schlagbar schien, wurde man von Selbiger vorgeführt. Und es sollte an diesem Tag wohl noch bitterer für den deutschen Rekordmeister werden, denn die Pflichtaufgabe entpuppte sich in der Verlängerung als unüberwindbare Hürde.
Erst 5 Minuten war die Verlängerung alt, da rieb sich jeder Sympathisant der Münchner verwundert die Augen: 3:1 führten die Spanier auf einmal und stießen das Tor zum sensationellen Halbfinaleinzug weit auf. Konfusion…Entsetzten, dies waren die Gefühlslagen auf der Bayern-Bank. Dies änderte sich erst in der 116. Minute der Verlängerung. Es war die Minute von Abbondanzieris Geschenk an Luca Toni. Die Bayern witterten Morgenluft. Und kamen, wie schon angesprochen zu diesem fast schon unverschämten Auswärtssieg. Eine Mannschaft dieser Qualität mühte sich gegen das Team aus dem Vorort von Madrid zu einem äußerst schmeichelhaften 3:3 und darf weiter vom Tripple (Meisterschaft, Pokal und eben UEFA-Cup) träumen. Am Ende sorgte ein Schussligkeitsfehler des ansonsten so sicheren Schlussmannes der Spanier dafür, dass der Gast aus Bayern in die Runde der letzten vier einzieht. Betrachtet man die Ausgangslage vor Hin – und Rückspiel haben sich die Bayern, trotz erfolgreicher Qualifikation, nicht mit Ruhm bekleckert. Es war ein wackliges, sensibles Gebilde, was die Münchner da fußballerisch präsentierten. Und, soweit lehne ich mich aus dem Fenster, gegen Zenit St. Petersburg wird das im Halbfinale wohl wieder ein Spießroutenlauf, wenn man nicht die ureigensten Instinkte eines Fußballers in den Millionären von München wecken kann: Dem Kampfgeist!

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