Donnerstag, 17. April 2008

Zwischen Wahn und Wahnsinn

Die Sonne strahlte an diesem Samstag im Stadion an der Alten Försterei, ja sie brannte sogar fast war man bereits geneigt zu sagen.
Aber er schaute gequält drein. Nicht so wirklich glücklich schien er zu sein. Im Gesicht taten sich Falten auf, so als denke er gerade scharf über eine bestimmte Situation nach.
Vor wenigen Minuten hatte der Unparteiische Markus Kuhl (Köln) die Partei zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem Wuppertaler SV abgepfiffen. Am Ende stand ein 1:1, über das sich in Reihen der ambitionierten Köpenicker keiner so ausgelassen freuen wollte.
Und wenn es in diesem Spiel so etwas wie eine Schlüsselszene gegeben hat, dann war es die, die sich in der 67. Minute für den 1.FC Union ergab. Man führte zu diesem Zeitpunkt 1:0, ließ die Gäste aber bereits seit der Halbzeit immer mehr kommen. Doch in eben dieser Minute spielte Mattuschka einen herrlichen, eben den genialen, Pass auf den startenden Karim Benyamina, der in der 53. Minute für Biran gekommen war. Frisch war, riss wie gewohnt viele Meter herunter und stürmte nun zusammen mit Sturmpartner Patschinski auf WSV-Keeper Maly los. Ja, er rollte, der Angriff und Benyamia traute es sich zu. Er traute sich zu selbst zu schießen, hatte er doch letzte Woche gegen Essen und Tor vorbereitet und eines höchst selbst erzielt. Aug und Aug mit dem Torwart schloss er ab, schob den Ball am Schlussmann vorbei. Das sah klasse aus, ein optischer Leckerbissen, doch mit einem faden Beigeschmack, denn der Ball klatschte an den Pfosten und prallte von dort zurück ins Feld. Gesichter, die es nicht fassen konnten waren die Folge. Es war der Matchball, der fast sicher geglaubte Sieg, der in dieser Sekunde am Pfosten des Zuckertors zerschellte.
Da war er wieder, der Chancentod Karim Benyamina. So wird der Stürmer gerne genannt, und das bereits seit seiner ersten Saison bei den Köpenickern 2005 / 2006. Damals kam er vom SV Babelsberg und einer Empfehlung von, so glaube ich es fest in Erinnerung zu haben, 18 Toren. Auch in der Aufstiegssaison bei den Berlinern konnte er 15 Tore erzielen und war damit zweitbester Torjäger hinter Daniel Teixeira (24 Tore). Jedoch leistete sich der damals 23 Jährige auch schon zu Oberligazeiten große Aussetzer. Versiebte oft gute Tormöglichkeiten in der Hinrunde. Doch nicht nur das, er war auch der Mann, wenn es um die spektakulären Tore geht, bei denen sich die Zuschauer aus Ehrfurcht von den Sitzen erheben bzw. wie entfesselt jubeln. So z. B. im Spiel gegen den BFC Dynamo am 21. August 2005. Der 1.FC Union gewann 8:0 und Benyamina erzielte 3 Tore an diesem denkwürdigen Nachmittag. Eines davon, das 5:0, aus ca. 30 Metern Entfernung, ansatzlos. Im selben Spiel besaß er auch simplere Chancen, die er wiederum fahrlässig ausließ. Da raufen sich die vielen Menschen auf den Traversen die Haare und Minuten später staunen sie andächtig. Die Rückrunde der Oberliga-Saison, sie gehörte dem Duo Teixeira / Benyamina. Am 7. Mai 2006 spielte der 1.FC Union im Stadion an der Alten Försterei sein Heimspiel gegen den damals letzt verbliebenen Aufstiegskonkurrenten aus Babelsberg aus. Benyamina schoss das entscheidende Tor, auf Vorlage des alteingesessenen „Texas“.
Dazu kam wenige Tage zuvor das Tor, was auch in der ARD Sportschau zu sehen war. Welches nicht nur von unglaublicher Optik, sondern auch Wichtigkeit war. 2:2 stand es in Berlin Lankwitz in der dritten Minute der Nachspielzeit als Sebastian Bönig ca. von der Mittellinie noch mal die Ehre hatte einen Ball gen Strafraum zu befördern. Dort gewann Mattuschka das Kopfballduell gegen seinen Gegenspieler. Benyamina nahm den Ball im 16 Meterraum mit dem Rücken zum Tor (!) an, dreht sich und zog in mitten des Drehvorgangs ab. Der Ball rasierte die Unterkante der Latte und sprang von dort hinter die Torlinie. Wie in traumwandlerischer Sicherheit agierte er, wie als ob er wüsste, dass dieses Geschoss sein Ziel finden wird. Es war das Tor des Karim Benyamina im Uniondress und bis heute wohl unvergessen.
In der Saison 2006 / 2007 avancierte Benyamina zum besten Torschützen des 1.FC Union (11 Tore). In der Hinrunde traf er sogar so sicher, dass die TSG aus Hoffenheim, wenn man inoffiziellen Kreisen Glauben schenken durfte, am 1.12.2006 beim Heimspiel gegen Werder Bremen II, Späher entsandte. Selbst die Vertragsverlängerung stand auf einmal in Frage. Es existierte ein Vertrag bis zum Sommer 2008. Was danach aber aus der Ehe Union Benyamina werden würde war völlig offen. Doch das Spiel gegen Bremen schien ein negativer Wendepunkt zu werden. Nicht nur weil man hoffnungslos mit 0:2 unterlag, sondern auch weil die Tormaschine Benyamina nicht so recht laufen wollte. Da war er wieder, der Chancentod. Aber auch so wollte es nicht mehr so klappen, wie noch in der Hinrunde. Viele Kilometer riss er herunter…ging Laufwege für die Kollegen. Was den Einsatzwillen angeht, so war der Ex- Reinickendorfer ein Vorbild für seine Mitspieler. Immer quirlig auf den Beinen. Nur das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, es hing im Ungleichgewicht. Da war sie wieder die Kostennutzenrechnung. Im Frühling 2007 verlängerte er seinen Vertrag schließlich beim 1.FC Union bis zum Sommer 2009. Verpufft waren die Wechselgerüchte zu diesem Zeitpunkt schon lange. In der Rückrunde 06 / 07 klingelte es nur noch drei Mal im Kasten des Gegners durch ein Tor von Karim Benyamina. Hinzu kam, dass ihm mit Nenad Vuckovic (von TeBe gekommen) ein Stürmer vor die Nase gesetzt wurde, der ihm fast den Stammplatz abknöpfte. Über 2 Meter misst dieser Spieler, der aber elegant mit dem Ball umgehen konnte, ganz entgegen vieler Klischees. Jedoch war dieser Mann chronisch verletzt und verließ Köpenick deswegen nach einem halben Jahr wieder. So kam es, dass Benyamina auch im dritten Jahr an der Alten Försterei seinen Stammplatz im Sturm behaupten konnte. Und tatsächlich, am 5. und 6. Spieltag traf er endlich wieder. Und im Spiel gegen Braunschweig (6. Spieltag) gelang ihm eines der wichtigen Tore. Hing ihm doch vor allem zu Oberligazeiten oft der Ruf nach, wenn der träfe, dann nur zu den Zeitpunkten, wenn die Messen schon gelesen sind. In der Folge, bis zum heutigen Tag folgten noch 3 Tore und viele Ein – und Auswechslungen. Eines kann man dem Mann, der in Dresden geboren wurde nicht vorwerfen: Dass er nicht kämpfen würde. Er arrangiert sich ganz offensichtlich mit der Situation und scheint nicht unzufrieden zu sein. Gegen Erfurt, am 6. April durfte Fan eine Benyamia-Gala genießen. Erst in der 67. Minute wurde er für seinen Sturm-Kollegen Biran ins kalte Wasser an der Hafenstraße in Essen geschmissen, steuerte er eine Torvorlage und einen Treffer selbst zum 3:0 Erfolg der Eisernen in Essen bei. Viele Chancen brauchte er nicht, es lief einfach. Es sind wohl diese Spiele, an denen er sich orientieren sollte, auch wenn man natürlich auch die kritischen Leistungen beäugen sollte.
Dies war eine extrem gekürzte Fassung von Karims sportlichen Werdegangs, wie ich ihn in den letzten Monaten / Jahren seit Beginn seines Engagements bei Union gesehen habe.
Einen Ausblick zu werfen fällt schwer. Eine zu 100 % gesicherte Zukunft hat er aus meiner Sicht hier nicht. Dafür sind die Leistungsschwankungen zu latent.
Eines ist jedoch sicher: Er wird sich auch in Zukunft bei seinen Einsätzen wieder zu 100 % reinhängen und fighten.
Nach der vergebenen Chance gegen Wuppertal stürzten sich die einschlägigen Gazetten auf Benyamina und er wurde als Trottel hingestellt bzw. als die Person, die Union den Sieg gekostet habe. Hier zu ist zu sagen, dass diese Reaktionen völlig überzogen sind und aus meinem Blickwinkel teilweise beleidigend wirken. Kritik ist richtig und vor allem relevant, jedoch muss sie sachlich vorgetragen sein. Im Nachhinein, wie es so schön heißt, ist man immer ein kleines bisschen schlauer.

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