Wie soll man nach diesem Abend einen Ansatz finden?
Zu unglaublich war diese Kulisse, unter der das Regionalliga Meisterschaftsspiel gegen die SG Dynamo Dresden über die Bühne ging. 11.500 Zuschauer kamen an einem Donnerstagabend ins Stadion an der Alten Försterei, um sich diesen Klassiker zu Gemüte zu führen. Was besonders imponierte war, dass aus Dresden, wohl auf Grund des im Vorfeld heiß diskutierten Kartenverkaufsverbotes, nur ca. 1000 Fans anwesend waren. Eine Protestaktion, allerdings war schon beim Weg ins Stadion klar, dass viele Fahrzeuge mit Dresdner Kennzeichen bzw. Personen mit äußerst verdächtigen Akzent an einem vorbeifuhren oder wahlweise nach dem Weg fragten. Es verlief allerdings alles in ruhigen Bahnen. Meine Prinzessin war auch mal wieder mit vor Ort, hatte sie doch schon gegen Babelsberg und Erfurt verdammt viel Glück mitgebracht. So sollte es also auch an diesem Abend beim brisanten Duell gegen Dresden wieder mit dem „Clarie-Faktor“ zu drei Zählern langen. Auf dem Weg ins Stadion wurde klar, dass pessimistische Schätzungen, die von „nur“ 8.000 z. Z. an diesem Abend ausgingen glatter Hohn sein sollten. Rund ums Stadion herrschte ein Hauch von Ausnahmezustand. Blechlawinen auf der Spindlersfelder Brücke und der Straße An der Wuhlheide in Fahrtrichtung Altstadt Köpenick. Dies alles war dem Umstand geschuldet, dass der Anhang, der via Zug aus Dresden angereist war, über die Altstadt, wie vor über einem Jahr, geleitet wurde. Im Stadion angekommen erschlugen einen die Schlagen an den Bier- bzw. Getränkeständen. Auch der abgestammte Platz war bereits gut gefüllt und auch beim Blick auf den Block J war einem sofort klar, dass die 10.000er Marke an diesem Abend fallen sollte, wie eine rostige Bahnschranke. Den Gang zu Getränken und Speis sparten ich und meine Prinzessin uns in weiser Voraussicht darauf kurz vor dem Halbzeitpfiff die Ränge zu verlassen und die Schlange vom Bierstand zu bevölkern. Auch was die Aktionen anging waren Sonderschichten angesagt. Drei große Transparente wurden auf der Gegengeraden, auf dem sich meine Wenigkeit bei jedem Heimspiel aufhält, ausgebreitet. Auf Rot-Weißem Grund befanden sich die Wappen der ProAF-Fraktion, des Bezirks Köpenick und das des 1.FC Union Berlin. Eine tolle Aktion, die wir, die wir uns direkt unter dem Transparent befanden nicht zu 100 % mitbekamen. Zumindest die optische Wirkung konnten wir uns später im WWW anschauen. Meine Prinzessin schon angetan von der Stimmung. Und auch ich, der ja nicht erst seit gestern Union-Heimspiele bevölkert gestehen, dass es schon Gänsehautatmosphäre war so kurz vor dem Anpfiff und dann auch noch die Hymne, die aus voller Kehle gesungen wurde.
Um dann mal das Spiel anzuschneiden. 6. Minuten, nach dem Schiri Kempter (Saulsdof) die Partie angepfiffen hatte lag der Ball auch schon im Kasten der Sachsen. Nach einem wunderbaren Freistoß von Gebhardt war Stuff am langen Pfosten zur Stelle und köpfte im Rückwärtsfallen den Ball in Richtung Tor. Dieser hatte allerdings so viel Drall, dass er sich sogar noch ins Tor drehte und damit war die Führung für die Mannen in Rot und Weiß perfekt. Toller Assist für „Gebbi“, der ja bereits die gesamte Saison auf einem extremen Level bestreitet. Dresden in der Folge bemühter und spielerisch mit Übergewicht. Der Ball lief flüssig durch die Reihen der Sachsen und auch die Pässe fanden oft den passenden Adressaten. Der Gastgeber tat sich sichtlich schwer und kam nur selten vor den Kasten der Gäste. In der 30. Minute war es dann aber wieder mal soweit. Nach einem Einwurf bekommen die in gelb spielenden Dynamos den Ball nicht aus der Gefahrenzone und Union kann mittels pressing die Ecke erzwingen. Die scheiterte auch zu nächst am Rücken eines Verteidigers, kommt von dort prompt zurück zu Mattuschka, dieser spielt das Ding weit in den Strafraum. Dort gewinnt der vom Größenverhältnis übersichtliche Benyamina klasse ein Kopfballduell und legt damit Biran den Ball auf, der 4 Meter vor dem Tor mutterseelen alleine das Ding genüsslich, flach einschiebt. 2:0! Tollhaus Alte Försterei. Ein Patschinski, der von Trainer Neuhaus auf die Bank strafversetzt worden war (wie schon beim letzten Punktspiel auswärts in Hamburg) schien vergessen. So schnelllebig ist das Profigeschäft manchmal…in wenigen Minuten können Helden geboren und Sündenböcke ausgemacht werden. Wie jedoch schon angedeutet: Dresden war rein von der Spielanlage her die reifere Mannschaft und konnte in der 40. Minute dann endlich Zählbares vorweisen. Bröker verwertete eine tolle Hereingabe mit der Fußspitze zum Anschluss. Danach pfiff Kempter zur obligatorischen Pause.
Nach der Pause sollte sich das Spiel der Mannschaft von Uwe Neuhaus ansehnlicher präsentieren. Beide Seiten waren allerdings mit offenem Visier in die zweite Hälfte gegangen. Union jetzt druckvoller und zielstrebiger. In der 56. Minute fing Mattuschka einen Rückpass in den leeren Raum eines Dresdners ab und bediente den exakt startenden Benyamina, der den Ball an Keeper Hesse auch vorbei brachte (und dieser hätte auch gesessen), jedoch wollte der Kumpel Biran auf Nummer sicher gehen und drosch die Kugel mit Schmackes in die Maschen. Im Nachhinein darf man sich glücklich schätzen, dass kein Abseits durch den Assistenten angezeigt wurde, denn beim Abspiel auf Karim war der Deutsch-Syrer, der im Winter aus Potsdam gewechselt war, im passiven Abseits. Sei es drum – dieses Tor war der verdiente Lohn für eine bessere zweite Hälfte, in der auch Benyamina richtig aufdrehte. Im direkten Gegenzug gab es für mich so eine Art „Nürnberg-Erlebnis“. Damals schepperte es ebenfalls im direkten Gegenzug. Freistoß, fast von der Eckfahne, Wagefeld rauscht von hinten in den Strafraum und wuchtet den Ball locker, locker ins Tor. Wieder der Anschluss, aber wer war da eingeteilt? Viel Zeit zum analysieren blieb ohnehin nicht. Die Stimmung war überwältigend und in der 65. Minute war es dann erneut der 1.FC Union, der für das sechste Tor an diesem denkwürdigen Abend sorgte. Das für mich brillanteste Tor seit langem. Und ich füge jetzt schon mal hinzu: Dieses Tor gehörte zu 80 % Karim! Toll herausgespielt. Mit dem Ball am Fuß ließ er drei (!) Dresdner wie (Zitat Ede Geyer (Trainer Dynamo Dresden) „Fahnenstangen“ stehen, drang in den Strafraum ein, behielt kühlen Kopf, und legte zurück auf Biran, der nur noch den Fuß hinhielt und das 4:2 erzielte. Und wieder brachten die Dämme. Wie, ja, jetzt nutze ich dieses Wort, geil es vorbereitet war….und vor allem zu welchem Zeitpunkt dieses Tor fiel. Wie gemalt. Die Geräuschkulisse, ein Traum. Mensch, das war so ein Abend, den man noch in ein paar Monaten bzw. Jahren bei einem Plausch noch mal Revue passieren lassen wird. In der Folge entwickelte sich eine kleine Abwehrschlacht. Die Jungs hatten sich den Arsch aufgerissen für dieses Ergebnis und wollten es nun über die Zeit bringen. Viel ging in der Offensive nicht mehr, nur vereinzelt gab es noch kleine Nadelstiche. Der Gast bekam noch Freistöße und Ecken zugesprochen und versuchte irgendwie den Anschluss herzustellen. Jedoch war es ihnen nicht vergönnt und wäre auch irgendwo nicht gerecht gewesen. Der 1.FC Union erlebte einen Abend, der mehr als nur Werbung war. Und auch die Atmosphäre möchte ich hier noch mal gesondert herausstellen. Dieser Pegel war herrlich, das Beben der alten Traversen noch mal miterleben zu dürfen. Die vielen Fahnen im Block J und das schon angesprochene Transpi bestehend aus drei Teilen auf der Gegengerade. Ein wirkliches Highlight, nicht nur auf dem Papier. Nun, vielleicht wird diese Geschichte auch noch weiter geschrieben. Gestern Abend jedenfalls haben sich diese Jungs schon selbst in die Historie des 1.FC Union geschossen, denn beide Saisonspiele (Hin – wie auch Rückspiel) konnten gegen die Dresdner gewonnen werden. Gegen Verl kann man nun den dritten Sieg in Folge einfach und im gleichen Atemzug sogar den Klassenverbleib bzw. die Qualifikation für die dritte Bundesliga sichern. Natürlich immer unter Berücksichtigung der anderen Ergebnisse direkter Konkurrenten (Braunschweig, Magdeburg etc.). Doch schon jetzt hat sich diese Mannschaft in die Herzen der Fans gespielt, eine gewisse Kontinuität erreicht.
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